Willst du recht haben oder glücklich sein? 

Samstagnachmittag, schönes Wetter, gutgelaunte Leute, der Grill läuft auf Hochtouren. In kleiner Runde stellt eine Freundin von mir die auf den ersten Eindruck leicht provokante Frage: „Wie seht ihr das? Wollt ihr lieber recht haben oder glücklich sein?“. Spontan antworteten alle: „Glücklich sein natürlich!“ Nach kurzem Innehalten dann mit einem kleinen Schmunzeln: „Und auch recht haben. Also, am liebsten beides.“

Genau das ist oft gar nicht so einfach. Mitunter lassen sich recht haben und glücklich sein nur schwer miteinander vereinbaren. Dabei möchte ich glücklich sein hier weiter fassen: als den Wunsch, eine gute Beziehung zueinander zu pflegen und sie vor Angriffen zu schützen.


In einem Meeting 

Sabine: „Vor zwei Wochen haben wir schon mal über die zu besetzende Stelle im Vertrieb gesprochen …“

Jens unterbricht sie: „Das war schon in der vorletzten Runde. Also vor vier Wochen.“

Sabine: „Nee, das Thema ist noch ganz neu …!

Irgendwer schaut inzwischen ins Protokoll. „Stimmt, war vor vier Wochen.“

Sabine: „Ist ja auch egal. Was ich eigentlich sagen will: Wir haben einen internen Bewerber.“

Es gibt diese Momente im Leben, in denen wir genau wissen: Ich habe recht. Ich kenne die Fakten und habe den dringenden Bedarf, die nötige Korrektur ganz kurz einzuwerfen.

Dann kommt die Bestätigung, wie in dem kleinen Beispiel. Am Ende bleibt ein schaler Beigeschmack. Die Stimmung ist angespannt, die Beziehung hat einen kleinen Riss bekommen und irgendwie fühlt sich der Sieg nicht gut an. 


Der Reiz, recht zu haben

Worin besteht eigentlich der Reiz, recht zu haben. Was steht dahinter? 

Ganz einfach: Manchmal fühlt es sich gut an. Es stärkt unser Selbstwertgefühl, verleiht uns Kompetenz, Überlegenheit, Sicherheit. Ich habe den Durchblick.

Wenn wir darauf bestehen, recht zu haben, senden wir, wenn auch oft unbewusst, eine Botschaft: Ich bin richtig – und du liegst falsch.

Genau das wollen wir nicht! Dieses Falschliegen fühlt sich wie ein kleiner Angriff an, den wir parieren. Wir verteidigen uns. Je wichtiger oder persönlicher das Thema für uns ist, umso engagierter setzen wir uns dafür ein, recht zu haben. 

Dabei können zwei Dinge passieren: 

Wir konzentrieren uns plötzlich darauf, Beweise zu finden, um unserer Position zu untermauern. Die Suche nach Lösungen tritt in den Hintergrund.

Während wir versuchen, zu gewinnen, verlieren wir gleichzeitig Nähe, Verständnis oder Vertrauen.

 

Nachgeben gleich schwach?

Die Frage ist eine andere: Worum geht es wirklich? Möchte ich die Diskussion gewinnen oder die Beziehung zu meinem Gegenüber stärken?

Es geht nicht darum, die eigene Meinung zu unterdrücken oder ständig nachzugeben. Vielmehr kommt es darauf an, die Situationen zu erkennen, in denen Gelassenheit und Großzügigkeit mehr bewirken als Rechthaben.

 

Zuhören statt überzeugen

In meinem Business werde ich häufig gefragt, wie wir unser Gegenüber mit Argumenten und Fakten überzeugen. Überzeugungskraft ist sicherlich ein wertvolles Tool.

Machen wir einen Perspektivwechsel: Statt zu überzeugen hören wir zu. Sofort verändert sich die Dynamik im Gespräch, wir fühlen uns gesehen und ernstgenommen. Die verbalen Fäuste sinken und ein konstruktiver Austausch wird möglich. Plötzlich können wir gut damit umgehen, dass unser Partner eine andere Erinnerung an ein Gespräch hat oder dass eine Kollegin eine Entscheidung anders trifft, als wir sie getroffen hätten.

 

Die richtigen Fragen stellen

Mit ein paar gezielten Fragen können wir innehalten und unseren Impuls bewusst steuern:

Einige Fragen an uns selbst:

-     Geht es mir um die Sache oder mein Ego? 

-     Was ist mir wichtiger: Rechthaben oder eine gute Beziehung? 

-     Wird dieses Thema in einer Woche noch eine Rolle spielen? 

-     Was gewinne oder verliere ich ggf.?


Diese und andere Fragen helfen uns, den ersten Affekt zu unterbrechen und entspannter zu reagieren.


Statt zu kontern, können wir mit guten Fragen das Gespräch öffnen und die Spannung rausnehmen:

Einige Fragen an unser Gegenüber:

-     Wie siehst du die Situation? 

-     Was ist dir daran besonders wichtig? 

-     Wie bist du zu dieser Einschätzung gekommen? 

-     Was wäre für dich eine gute Lösung? 

-     Habe ich dich richtig verstanden, dass …? 

-     Wie finden wir einen gemeinsamen Nenner?

Diese Fragen signalisieren echtes Interesse statt Widerstand. Dadurch fühlt sich unser Gegenüber ernst genommen und wir haben eine Chance auf einen konstruktiven Dialog plus eine ausgewogenen Beziehungsebene.

 

Der Unterschied

Kurzfristig fühlt es sich gut an, recht zu haben. Es gibt uns einen kleinen Kick, ein Gefühl von Kontrolle.

Auf lange Sicht jedoch ist es die Fähigkeit, loszulassen, die unser Wohlbefinden bestimmt. Menschen, die nicht ständig kämpfen müssen, um recht zu behalten, wirken oft ruhiger, offener und zufriedener.

Loslassen bedeutet:

-     nicht jede Diskussion gewinnen zu müssen 

-     nicht jeden Fehler korrigieren zu wollen 

-     nicht auf jede Provokation zu reagieren 


Nutzen wir unsere Energie für die Dinge, die uns wirklich wichtig sind.

 

Impuls

Auf die Frage: „Willst du recht haben oder glücklich sein?“ gibt es nicht die eine Antwort. Es ist eine Entscheidung, die wir immer wieder treffen – im Alltag, in Beziehungen, in Gesprächen.

Manchmal ist es wichtig, für die eigene Überzeugung einzustehen. Manchmal ist es klüger, einen Schritt zurückzutreten und den größeren Zusammenhang zu sehen.

Finde deinen Weg und gute Entscheidungen.


Herzliche Grüße

Conny Dill